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Deutschland: Weitere Bergschäden durch Flutungen befürchtet

Rheinberg: Was passiert mit den stillgelegten Steinkohlebergwerken? Gutachter Burkhard Reder weist auf die Gefahren giftiger Rückstände wie PCB hin. Rheinberg hat die Folgen des Steinkohlebergbaus zu spüren bekommen – und spürt sie noch immer. Im Bereich Orsoy, Eversael und Orsoyerberg hat das Bergwerk Walsum die Ortschaften tiefergelegt, unter Annaberg und Alpsray sowie Teilen von Millingen ging ebenfalls der Bergbau um, und das mehrfach – vom Kamp-Linforter Bergwerk West aus.

Die Schäden an Straßen, Kanalisation und Gebäuden waren zum Teil immens. Nun gibt es in Deutschland keine Steinkohleförderung mehr und es stellt sich die Frage: Was passiert mit den Gruben? RAG-Stiftungschef Bernd Tönjes sagte kürzlich in einem RP-Interview, dass Widerstände von Politik und Bürgern verhindert hätten, dass der Zechenkonzern RAG die Gruben verfüllen und das Grubenwasser ansteigen lassen könne. In Nordrhein-Westfalen hätten das lange Zeit grüne Umweltminister verhindert. Nun seien die Genehmigungen aber auf dem Weg. Das schreckte Diplom-Ingenieur Burkhard Reder auf. Der Architekt, der seit fünf Jahren in Alpen lebt, zuvor aber jahrzehntelang in Rheinberg zu Hause war und dort auch beruflich wirkte, hält Flutungen für eine Katastrophe. Reder, ehemaliger Technischer Beigeordneter der Stadt Rheinberg und als Bergschadensbevollmächtigter aktiv, war 1990 Mitbegründer der Schutzgemeinschaft Bergbaubetroffener (SGB), die nach wie vor existiert. „Bei einer Flutung steigt eine salzhaltige, übelriechende Brühe an die Erdoberfläche“, beschreibt Reder. „Diese Brühe transportiert Polychloriete Biphenole (PCB). PCB gehört als Ultragift zu den zwölf giftigsten Stoffen weltweit. In den Bergwerken lagern noch 10.000 bis 12.000 Tonnen PCB.“ Eine PCB-Kontamination schädige Haut, Nerven- und Immunsystem, Leber und Nieren, betont Reder; es sei schon in kleinsten Mengen krebserregend. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass auch unser Trinkwasser betroffen sein könne. Reder: „Wir sind in der glücklichen Lage, in unserem Land Wasserleiter mit sehr gutem Wasser zu haben. Wasser ist ein Lebensmittel, ein Schatz, den wir hüten müssen. Immerhin leben 2,2 Milliarden Menschen auf der Erde ohne sauberes Trinkwasser.“ Wenn die RAG behaupte, durch die Flutung der Bergwerke bestehe keine Gefahr für die Trinkwasserreserven, könne er nur erwidern: Die Flutung sei ein Feldversuch mit einem ungewissen, möglicherweise schrecklichen Ausgang – „ein ökologisches, nicht rückholbares Desaster, sollte PCB dauerhaft in das Trinkwasser gelangen“. Und damit nicht genug. Es könne nach Einschätzung des Architekten nämlich auch zu Bergschäden kommen. Reder: „Das aufsteigende Grubenwasser kann aufquellende Erdschichten im Deckgebirge erreichen, damit zu Hebungen des Bodens und zu Bergschäden an der Oberfläche führen. Dieses Szenarium kann auch für Rheinberg nicht ausgeschlossen werden. Meines Wissens nach ist es im Erkelenzer Revier bei der Flutung bereits zu entsprechenden Bergschäden gekommen.“ In einigen Regionen habe die RAG offensichtlich schon begonnen, das Wasser in manchen Bergwerken von 1100 Meter Tiefe auf eine Höhe von bis 260 Meter ansteigen zu lassen. Die Ruhrkohle AG nutze Stollen bereits „als Großdeponie für hochgiftige Sonderabfälle“, so der Alpener. 2013 habe die RAG eingeräumt, in den 90er Jahren mehr als 600.000 Tonnen mit Dioxin, Arsen und Quecksilber verseuchten Sonder- und Giftmüll auf der Grundlage eines wissenschaftlich umstrittenen Verfahrens in Stollen eingelagert zu haben – geduldet von den Landesregierungen und unbemerkt von der Öffentlichkeit. Das alles mache die RAG, um von den Ewigkeitskosten für Pumpmaßnahmen wegzukommen. Würde nicht gepumpt, stünde ein Fünftel des Ruhrgebiets unter Wasser. Mehr als eine Milliarde Kubikmeter Wasser müsse pro Jahr abgepumpt werden. Reder ist der Meinung, dass eine ordnungsgemäße Entsorgung der Giftstoffe aus den Bergwerken unbedingt erforderlich sei. „Eine vollständige Reinigung des mit PCB verseuchten Grubenwassers müsste bei Abpumpmaßnahmen zwingend vorgeschrieben werden“, findet der Sachverständige. „Diese Reinigung ist technisch möglich. Einlagerungen von hochgiftigen Sonderabfällen dürften nicht genehmigt und müssten zurückgeholt werden.“ Dabei sei es unerlässlich, die Bürger über alle diese Vorgänge, auch über die laufenden Verhandlungen der Landesregierung mit der RAG, umfassend zu informieren. Der Stadt Rheinberg rät der ehemalige Technische Beigeordnete bezüglich des Bergwerks West in Kamp-Lintfort, sich schnellstens um diese „für die Stadt lebenswichtigen Probleme zu kümmern, um größere, möglicherweise gesundheitliche Schäden von den Bürgern fernzuhalten“. Die Dringlichkeit sei bei der Verwaltung offenbar noch nicht angekommen.
Das Ministerium bearbeitet die Anfrage
Genehmigungen Diplom-Ingenieur Burkhard Reder hat Ende Juni die Ministerin für Umweltschutz und Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz NRW zu diesem Thema angeschrieben und um Auskunft über den Stand der Genehmigungen gebeten. Ihm ist inzwischen mitgeteilt worden, dass das Ministerium das Anliegen bearbeitet und sich dazu äußern wird.

Foto: Rainer Kaußen/Kaußen, Rainer

Bericht in der RP-online