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Rumänien: Gedenken an die Grubenkatastrophe von Anina im Jahre 1920 berichtet Volker Wollmann

Der Steinkohlenbergbau von Anina-Steierdorf blieb auch im 19. Jahrhundert von kleineren und größeren Unglücken nicht verschont, die meist von Schlagwetterexplosionen durch offenes Geleucht ausgelöst wurden, auf das man aufgrund von Sparsamkeitsgründen nicht verzichtete. Die ersten eingesetzten Sicherheitslampen erwiesen sich ebenfalls als fehlerhaft und führten zu Schlagwetterexplosionen oder Kohlenstaubbränden, wie im Jahre 1834 im „Schwarzhuber-Stollen“ in Anina. Der schlimmste und lang andauernde Grubenbrand fand in der „Breuner-Grube“ statt,

die wegen einer in ihr erfolgten Explosion im Jahre 1862 endgültig geschlossen werden musste. Weitere Grubenkatastrophen ereigneten sich in den Jahren: 1845, 1887, 1894, 1911, 1918. Der verhängnisvolle 7. Juni 1920 Im Unterschied zu den oben erwähnten Grubenunglücken ist die größte Katastrophe im Banater Bergbau nicht durch eine Schlagwetterexplosion oder durch einen von Kohlenstaub hervorgerufenen Grubenbrand verursacht worden, sondern geht auf eine Reihe anderer Faktoren zurück: auf Leichtsinn und Inkompetenz der Bergwerksleitung. Diese hatte nämlich auf Anweisung des Finanzministeriums aus Budapest vom 28. September 1914 und der Berghauptmannschaft aus Oraviţa (Orawitza) damit begonnen, die vorhandenen Sprengstoffvorräte nach unter Tage zu transportieren und auch dort zu lagern. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass der Erste Weltkrieg begonnen hatte und man feindliche (Luft-)Angriffe auf Munitionslager befürchtete. Deshalb brachte man alle vorhandenen Sprengstoffvorräte nach unter Tage in die Räumlichkeiten einer ehemaligen Pumpenstation auf der längst verlassenen 3. Sohle in einer Tiefe von 530,4 m in unmittelbarer Nähe des „Hungaria-Schachtes“ (des späteren Haupt- oder Zentralschachtes). Diese Pumpstation bestand aus zwei Räumen in einer Entfernung von 25 m bzw. 75 m vom Schacht; zwischen beiden existierten zwei 7 m tiefe Schächte, die miteinander durch einen Verbindungskanal eines ehemaligen Wasserstollens verbunden waren. Der Sprengstoff selbst war ein Kriegserzeugnis und besaß nicht die für die Verwendung im Bergbaubetrieb vorgeschriebenen Qualitäten - vielmehr zersetzte er sich allmählich. Am 6. Juni 1918, also kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges, erließ nun das Budapester Finanzministerium die Verfügung, dass der unter Tage gebrachte Sprengstoff aus Sicherheitsgründen wieder nach über Tage gebracht und dort gelagert werden sollte. Da sich aber die politische Lage im Banat infolge des Friedensvertrages von Trianon zwischen den Alliierten zuspitzte, kam es nicht mehr dazu. Von den 3.240 kg Sprengstoff wurden 960 kg in den ersten Raum und 2.294 kg in den zweiten Raum der ehemaligen Pumpenstation eingelagert. Am 7. Juni kurz vor 22 Uhr ereigneten sich in dem kleineren Raum der Pumpenstation vier aufeinander folgende Explosionen. Die Ursache lag darin, dass sich der eingelagerte Sprengstoff, der nicht den im Bergbau vorgeschriebenen Sicherheitsnormen entsprach, bereits zersetzt und sich entzündet hatte. Die sich bei der Zersetzung des Sprengstoffs entwickelten Chlorgase und das entstandene Kohlenmonoxid gelangten aufgrund der herrschenden Wetterverhältnisse mit dem einziehenden Wetterstrom auf die 5. und die tieferen Sohlen des Grubengebäudes. Die Mehrzahl der dort auf die Ausfahrt wartenden Bergleute starb trotz aller bereits nach einer halben Stunde einsetzenden Rettungsmaßnahmen. 32 Bergleuten der Mittagsschicht gelang es noch, mit dem ersten Förderkorb auszufahren, während die Bergleute der Nachtschicht, die mit dem ersten Förderkorb einfuhren, ebenfalls verunfallten. Als die Seilfahrt im Gange war, explodierte der Sprengstoff und die Bergleute, die sich in den Förderkörben befanden, wurden ausnahmslos getötet. Bei der Explosion wurde der „Hungaria-Schacht“ und weite Teile des Bergwerks verschüttet. So gestalteten sich die Rettungsarbeiten äußerst schwierig, weil bei den Zerstörungen im Bergwerk nur noch eine einzige Strecke Rettungsmaßnahmen erlaubte. Außerdem erwiesen sich die eingesetzten Rettungsgeräte – vor allem die Gasschutzgeräte – öfters als funktions- unfähig. Das Unglück und seine Folgen So war der Tod von 170 Bergleuten, die unmittelbar an ihrem Arbeitsplatz gestorben waren, zu beklagen, weitere zwölf der 52 an die Tagesoberfläche geretteten Verletzten verstarben noch in den folgenden Tagen. Auch später waren noch weitere Tote des Unglücks zu beklagen, so dass sich die Gesamtzahl der Todesfälle auf 217 erhöhte. Auffallend viele minderjährige, d.h. unter 18 Jahre alte Bergjungleute befanden sich unter den Opfern: vier waren erst 18 Jahre alt, drei zählten 17 Jahre, einer 16 Jahre, zwei 15 Jahre und drei nur 14 Jahre! Die Familie Tellin hatte mit dem 40 Jahre alten Vater Jakob und dem 18jährigen Sohn Johann zwei tote Familienmitglieder zu beklagen, auch andere Familien mussten zwei Verunglückte beweinen: die Familie Banatsky ihren 29jährigen Sohn Alois und ihren 24jährigen Sohn Franz, die Familie Blaschofski deren Vater Jakob und den 23 Jahre alten Sohn Franz, die Familie Herrmann die 18 Jahre und 24 Jahre alten Söhne Johann und Venzel, die Familie Jecsmann die 27jährigen und 29jährigen Söhne Josef und Reinhold sowie die Familie Schmaus, die den 41 Jahre alten Vater Karl und den erst 17 Jahre alten Sohn Josef Karl beklagen mussten. Erschütternd ist auch das Schicksal der Familie Wöhl, wo der Vater des Unfallopfers Albert bereits bei der Grubenkatastrophe vom 11. Januar 1918 ums Leben gekommen war. Insgesamt verloren bei der Grubenkatastrophe 155 Frauen ihren Mann und 278 Kinder ihren Vater. Die Mehrzahl der Opfer wurde in zwei Reihen- Massengräbern beigesetzt, die in den Friedhöfen von Sigismund (bei Steierdorf) und Cselnik (Celnic) angelegt wurden. Die Beerdigungen auf den beiden Friedhöfen fanden am 9. Juni statt – 78 Bergleute wurden in Sigismund, 32 in Celnic beerdigt (Abb. 1). Die aus anderen Bergorten stammenden tödlich verunglückten Bergleute wurden in ihren meist rumänischen Heimartorten beerdigt, andere stammten aus den von Kraschowänen bewohnten Ortschaften. Im Jahre 1921 wurde bei den Massengräbern jeweils eine Gedenkstätte errichtet, an die auf Marmorplatten die Namenszüge der Verunglückten angebracht waren. Auf dem gestuften, von einem Kreuz bekrönten Giebel über dem auf fünf Pilastern ruhenden Architrav des Denkmals am Sigismundfriedhof von Steierdorf erkennt man unter dem Bergbauemblem Schlägel und Eisen die mehrzeilige Aufschrift „HIER RUHEN / DIE OPFER / DER GRUBENKATASTROPHE / VOM 7. JUNI 1920“ (Abb. 2). Der gleiche Text der Inschrift befindet sich auch auf der Gedenkstätte am Friedhof Celnic in Anina. Das dort errichtete, in geschwungenen Formen gestaltete Denkmal, greift die Gestaltung des an das Unglück vom 11. Januar 1918 erinnernden Gedenkstätte auf: rechtsund links des zentralen „Mundlochs“ sind Flügelbauten mit Fensteröffnungen angedeutet, eine mit Jugend- stilformen geschmückte Stele betont die Mittelachse des Denkmals, die zusätzlich durch das Bergbauemblem, einen Giebelaufsatz und ein Kreuz betont wird. Da hilft kein Drehen und Wenden, dieses Verbrechen – denn ein solches ist es – kann nicht von ihrer Seele abgewaschen werden, denn wenn die Schutzmaßnahmen eingehalten würden, wären solche Katastrophen ausgeschlossen. Es ist überliefert, dass die Bergleute schon vor der Katastrophe mit ihren Arbeitsbedingungen, den getroffenen Sicherheitsvorkehrungen und Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz unzufrieden gewesen waren und dies auch öfters zum Ausdruck gebracht haben. So war es 1903 in Anina zu einem Streik gekommen, in dem die Bergleute unter anderem mehr Rechte und eine bessere Altersversorgung und die sechsstündige Schichtdauer gefordert hatten. Eine erste große Solidaritätskundgebung mit den Bergleuten fand am 10. Juni 1920 in Temeswar statt, bei der der Kapitalismus für die Katastrophe verantwortlich gemacht wurde. Die Unzufriedenheit der Bergleute kam in aller Deutlichkeit einen Tag später am 11. Juni 1920 zum Ausdruck, als die unter Schock stehende Bevölkerung Aninas in einer Großkundgebung von der Bergwerksdirektion und dem Unternehmen, der Privilegierten Österreichischen Staatseisenbahngesellschaft (StEG) die Entfernung der noch im Bergwerk befindlichen Sprengstoffe, die Errichtung eines Arbeiterheimes und die Zahlung von Renten für die Hinterbliebenen Witwen und Waisen, Gratiswohnungen, die Aufklärung der Ursachen des Grubenunglücks, die Bestrafung der Schuldigen, die Zahlung von ausgebliebenen Löhnen und die Lieferung von Lebensmitteln forderten. Die StEG beabsichtigte nämlich den Verkauf ihrer Aktien zum Nachteil der Banater Bergleute und diese Maßnahme fand genau zu dem Zeitpunkt statt, als die „Reschitzaer Stahlwerke und Domänen A.G.“ (Uzinele de Fier şi Domeniile Reşiţa) am 10. Juli 1920 gegründet wurden. Einige Tage nach der Grubenkatastrophe rief die „Arbeiter- Zeitung“ zu Spenden auf, aber auch die U. D. R. hatte eine zusätzliche Spendensammlung ins Leben gerufen. Der genaue Bestand an Spenden blieb allerdings aus dem Grund unbekannt, weil unter der neu eingeführten Verwaltung des rumänischen Nationalstaates zum gleichen Zeitpunkt eine für die Hinterbliebenen ungünstige Finanzaktion erfolgte. Die Verwaltung der eingegangenen Spenden übernahm die neu gegründete Aktiengesellschaft (U.D.R.), die am 7. August 1920 ein Unterstützungsprogramm bewilligte und den Hinterbliebenen wurden außerdem monatliche Renten, die doppelt so hoch waren wie die gesetzlich vorgeschriebenen, zugesichert. Behördliche Untersuchungen und ihre Konsequenzen Kurz nach dem Bergwerksunglück wurde eine Untersuchungskommission ernannt, die sich aus Abgeordneten des Industrie- und Handels- sowie des Kriegs-ministeriums, das für den Sprengstoff zuständig war, zusammensetzte. Sie verwies auf die unglücklichen Umstände die zu der Katastrophe geführt hatten, wobei die Beschaffenheit des Sprengstoffes als der ausschlag- gebende Faktor bezeichnet wurde.