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Deutschland: Radon-Belastung: Der Killer, der aus dem Keller kommt

Vermeintliche Bergbau-Idylle vor dem Camphauser Hammerkopf-Förderturm: Der Quierschieder Arzt Karl-Michael Müller sieht große Gefahren, wenn die Saar-Gruben einfach geflutet werden. Durch den Grubenwasseranstieg könnte auch mehr radioaktives Radon-Gas frei werden, das Lungenkrebs erzeugt.

Dr. Karl-Michael Müller ist ein Arzt, der sich Zeit nimmt. Kürzlich erst bedankten sich zwei Patientinnen mit einem Stern bei ihm. Wie für einen Film-Star. „Für den besten Arzt der Welt" haben sie aufs Plakat geschrieben. Sowas nimmt der Allgemeinmediziner auch als Verpflichtung, sich um das Wohl seiner Patienten auch dann noch zu sorgen, wenn seine Sprechstunde längst vorbei ist.

Immer öfter sitzen bei ihm Menschen in der Praxis, die mit schweren Lungenerkrankungen kämpfen. Auch solche mit Lungenkrebs. „Broncho-pulmonales Malignom" nennt das nüchtern der Mediziner-Jargon. Was das nicht sagt: „Durchschnittlich bleiben nach der Diagnose dem Patienten noch 13 Monate zu leben", erläutert Müller.

Meist schleicht sich die tückische Krankheit mit dem Alter an. Taucht sie auf, sind Frauen wie Männer im Schnitt Ende 60. Schaut man beispielsweise auf die Jahre 2004 bis 2006, die im saarländischen Krebsregister besonders gut dokumentiert sind, mussten 573 Männer und 228 Frauen pro Jahr mit der Schockdiagnose fertig werden. Dass es so oft Männer trifft, hat vor allem zwei Gründe. Nichts fördert Lungenkrebs so stark wie das Rauchen. An 90 Prozent aller Bronchialkarzinome trägt der blaue Dunst Schuld. Und Männer pafften früher eben deutlich mehr. „Leider haben Frauen in dieser Hinsicht aufgeschlossen", bedauert Müller. Eine tödliche Aufholjagd: Seit den 1970er Jahren hat sich die Zahl der Lungenkrebsneuerkankungen bei Frauen verfünffacht.

Dazu gesellt sich der Bergbau, der über Jahrzehnte hier tausenden Männern Lohn und Brot gab. Das Schuften untertage aber, die Hitze, der partikelfeine Kohlenstaub wirkten wie ein schleichendes Gift. Vielen Bergleuten nahm die Staublunge irgendwann die Luft. Mehr noch: Das Edelgas Radon, das vom im Erdreich verborgenen Uran und Thorium stammt, gilt als stark „karzinogen", erläutert Dr. Müller, krebserregend also. Das radioaktive Gas brachte es sogar zu einem eigenen Leiden, der „Schneeberger Krankheit". Bereits der legendäre Schweizer Arzt Paracelsus schrieb vor 450 Jahren über Bergleute, die im erzgebirgischen Schneeberg nach Silber schürften, ohne es zu ahnen aber auch mit Uranerz in Berührung kamen. Viele tötete die „Bergsucht", lange nicht erklärbare Lungenleiden. Mittlerweile weiß man aber, wie mörderisch das Einatmen von Radon, die Inhalation seiner aggressiven Zerfallsprodukte, auf Dauer ist.

Das alles aber erklärt noch lange nicht, warum sich im Saarland die Lungenkrebsfälle derart aufsummieren. Dr. Müller hörte sich unter Kollegen um, die wie er in alten Bergbau-Kommunen praktizieren. In Neunkirchen, Schiffweiler, Sulzbach... Ergebnis: Überall ein ähnlich erschreckendes Bild. Daraufhin nahm der Hausarzt die Daten des saarländischen Krebsregisters unter die Lupe. Weil hier seit 1967 die Meldepflicht für Krebserkrankungen gilt, schätzen Forscher international das aussagekräftige Zahlenwerk. Der 61-Jährige, der sich bereits in seiner Dissertation 1986 damit befasste, wie und warum bösartige Krankheiten in bestimmten Bevölkerungsgruppen und in ihrer regionalen Verteilung auftauchen, fand darin Bemerkenswertes – entdeckte Parallelen. Männer in Quierschied etwa, wo an jeder Ortseinfahrt ausrangierte Loren oder Schrämköpfe stolz vergangene Bergbau-Zeiten beschwören, haben ein 40 Prozent höheres Risiko ein Malignom an Lunge oder Bronchien zu bekommen als der Saarländer im Landesschnitt. Auch in Friedrichsthal sind es 30 Prozent mehr, rund 20 Prozent in Sulzbach. Dort, wo das schwarze Gold auch nah an der Erdoberfläche abgebaut wurde, erkranken besonders viele an Lungenkrebs.

Für den Arzt war klar: Radon muss im Spiel sein. Das radioaktive Gas steigt nämlich mit dem Methan, Hauptbestandteil des so genannten Grubengases, auf. Diese Gasfracht sucht sich überall ihren Weg nach oben. Zum Teil wird das Grubengas von der Steag, einer Firma im RAG-Konzern, abgesaugt und in Kraftwerken genutzt. Ein Teil kann über diverse Ausgasungsanlagen, die an Luftschutzsirenen erinnern, kontrolliert in die Luft abgelassen werden. Doch das gefährliche Gemisch dringt auch unkontrolliert nach oben. Gerade dort, wo mal Kohle gefördert wurde, Stollen und Schächte die natürliche Geologie stören. Am Netzbachweiher bei Fischbach etwa machen sich Jugendliche seit Jahren einen Jux daraus, aus dem Wasser blubbernde Blasen in Blechdosen aufzufangen und anzuzünden.

Radon schafft es aber selbst durch nicht mal haarfeine Risse in Bodenplatten vieler Häuser hindurch, die über Jahre durch Grubensenkungen malträtiert wurden. Viele Gebäude in der Saarkohle-Region haben Risse, Narben des Steinkohleabbaus. Denn die Erde darunter wurde durchlöchert. Das Gas sammelt sich dann in Kellerräumen und im Erdgeschoss. Wird dort nicht konsequent gelüftet, können sich gefährliche Konzentrationen bilden. Ein Problem, das vielen aber völlig unbekannt ist. Stattdessen verrammeln Hausbesitzer in bester Absicht, Heizkosten zu sparen, ihre Fenster. Halten das Gift in den eigenen vier Wänden. Laut einer Studie von Umweltmedizinern der Universität Erlangen ist Radon in Innenräumen „die Ursache für etwa neun Prozent aller Todesfälle infolge von Lungenkrebs". Legt man die Daten des saarländischen Krebsregisters von 1997 bis 2006 zu Grunde, kommt man so auf rund 780 Menschen, die nur wegen Radon in diesem Zeitraum erkrankten. „Damit ist nicht zu spaßen, das ist eine tödliche Erkrankung", sagt Dr. Müller.

Der Quierschieder Arzt ist freilich nicht der erste, der sich mit der Radon-Gefahr befasst. 1996 veranlasste das saarländische Umweltministerium eine erste größere Messung in Schiffweiler, die Biophysiker der Saar-Uni vornahmen. Damals stellte man Extremwerte in einzelnen Häusern fest: bis zu 1885 Becquerel Radon pro Kubikmeter Raumluft (Bq/m3), kurzfristig sogar 3434 Bq/m3. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt die Konzentration in Innenräumen unter 100 Bq/m³ zu halten. Zwar galten die meisten Häuser in Schiffweiler nach den damaligen Grenzwerten als unbelastet. In 93 Prozent der Fälle mussten sich die Bewohner keine Sorgen machen. Sieben Häuser aber hielt man für sanierungsbedürftig, 73 noch als „Ermessensfall". Radon allerdings, das lernt man schon im Chemieunterricht, ist ein farb-, geruch- und geschmackloses Gas. Ohne Überprüfung ahnt man nicht mal, wo es lauert.

Genau darin liege auch das Problem, mahnt Karl-Michael Müller. Die RAG habe bisher im Saarland bestenfalls sporadisch kontrollieren lassen, „eher am Problem vorbei gemessen". Dafür hat der Arzt kein Verständnis. „Passen Sie auf die amtlichen Vertuscher auf!", hat ihm sein Doktor-Vater damals mit auf den Weg gegeben. Für den Mediziner wurde es zum Leitmotiv. Und es geht ja auch anders. Etwa in der Schweiz: Dort wird systematisch gemessen, für das gesamte Land gibt's Radon-Karten.

Zudem lässt sich auch relativ leicht etwas tun. Als erste Maßnahme hilft konsequentes Lüften gerade der Kellerräume – auch im Winter. Denn an der Luft verflüchtigt sich das radioaktive Gas rasch. Dazu kann die Bodenplatte eines Gebäudes mit einer speziellen Radonfolie abgedichtet werden. Kosten allerdings rund 200 bis 400 Euro pro Quadratmeter.

Der Quierschieder Arzt allerdings sieht weitere Gefahren: Würden jetzt in den Saargruben wie vorgesehen die Pumpen abgestellt, könnte sich auch das Radon-Problem verschärfen, wenn durch das steigende Grubenwasser mehr Gas nach oben gedrückt würde. Und mit der Unruhe im Untergrund, den kleineren Beben und Senkungen, mit denen selbst die RAG rechnet, stiege wohl auch die Zahl der Spalten und Risse im Boden wie der Schäden an den Häusern. Man machte sozusagen dem Killer im Keller Tür und Tor auf. Karl-Michael Müller hat darum in seiner Praxis auch die Unterschriftenlisten gegen die Grubenflutung auslegen lassen. Und er will in Vorträgen die Öffentlichkeit auf die Gefahr aufmerksam machen. Weil ein guter Arzt sich auch nach der Sprechstunde um seine Patienten sorgt.

https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/saarland/der-killer-der-aus-dem-keller-kommt_aid-7696391